Rede zur Mitgliederausstellung am 7.11.2024
Weniger ist Mehr, dieses zeitlose und ambivalente Thema wurde von unseren künstlerisch arbeitenden Mitgliedern wie erwartet ganz unterschiedlich aufgegriffen.
Als am Montag die ersten zehn Arbeiten eingeliefert wurden, waren wir schon fast darauf eingestellt, eine schwarz-weiße Ausstellung hängen zu dürfen. Dass weniger Farbe kein Verzicht auf mehr Ausdruck sein muss, zeigt eine Wand oben und auch einige Exponate hier im Raum.
Eine Reduktion zur Steigerung der Aussagekraft ist Christian Oberlander mit seinen elegant eingedampften Fotoarbeiten gelungen. Ist die Traubenranke noch ganz nah an ihrer natürlichen Erscheinung, verschwinden die den „Freistoß“ ausführenden Fußballer wie im gleißenden Gegenlicht, werden zu winzigen Signets.
Daneben Susanne Schreyers schwungvolle und sensible Zeichen, die wie ein Seismograph feinste Schwingungen aufzeichnen.
Gerhard Wokurkas konsequente Bändigung nicht nur der Farbe, sondern auch der Form bildet einen starken Kontrast dazu.
Woldemar Fuhrmann hat in einer sehr grafischen Handschrift die philosophische Betrachtung Toni Burgharts über die Existenzberechtigung eines Lochs aufgeschrieben, das Loch als ultimatives Weniger, dass das Mehr eines Randes braucht, um sich nicht zu verlieren. Lesen Sie diese ebenso kluge wie dadaistisch blödelnde Betrachtung, es tut gut.
Auch Klaus Wagner verzichtet auf zusätzliche Farben neben dem Weiß des Papiers und der Druckerschwärze. Um das Licht auf seiner „Obstwiese“ sommerlich flirren zu lassen, hat er ein Papier ausgewählt, das diese winzige Farblücken begünstigt.
Heinz Thurn behauptet gleich zweimal „Du hast einen Vogel“. Seine Lithografien bewusst kindlich krakeligen Stil würde man überall wiedererkennen.
Nur noch eine Farbe benutzt Conny Klonen. Wer ihre farbstarken Arbeiten kennt, sieht, wie sehr sie sich beim Werk „Einfachheit“ einschränkt - und doch ist das Spiel des Lichts auf ihrer Materialcollage alles andere als langweilig. Ein leeres weißes Brett hängt uns Reiner Zitta vor den Kopf. „Ist weniger mehr? Weniger ist mehr! Nichts ist alles!“ zitiert er Lao Tse und die Lehre des Tsao und verankert diese spirituell-philosophischen Betrachtungen, wie wir es von ihm kennen, nicht auf einem teuer erworbenen Malgrund, sondern auf einem im Lauf der Jahrzehnten vielfach lackierten Fensterbrett.
A propos spirituell: auch Thomas Palme hat auf 90 Prozent seiner gewohnten Farbfülle verzichtet und „Einfach Rot“ verwendet. Durch eine trotzdem bewegte Oberfläche scheint die Gestalt des Buddha. Innere Ruhe, Demut und Verzicht sind nur drei der vielen Haltungen, für die der Buddhismus steht und die der Welt mit einem Mehr durchaus dienlich sein könnten.
Bei einer Farbe geblieben ist auch Karin Plank-Hauter. Im Indigo-Ton der Pigmentfirma Lukas hat sich an die Gußeisen-Ornamentik oberbayerischer Grabkreuze angelehnt. Während dort oft ein Porträt des Verstorbenen zu sehen ist, hat sie einen Engel und einen Vogel eingemalt. Beide gefiederten Wesen symbolisieren Hoffnung, Beschützt-Sein und die Unbändigkeit der menschlichen Seele. Andreas Hauter hat eine selbstvergessen Tanzende geschnitzt und bemalt. Vielleicht hat sie auf diese Weise weniger Sorgen und mehr vom Leben? Die Verbindung zum Werk seiner Frau entdecke ich im Zitat von Kirchenvater Augustinus: „O, Mensch, lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit dir anzufangen!“.
Sohn Mathis Hauter, der gerade sein Kunststudium abgeschlossen hat, spielt in seinem Werk auf eine ganz irdische Umverteilungsidee von weniger zu mehr an: Die unsichtbare Hand /invisible hand) ist ein metaphorischer Ausdruck, mit dem der schottische Ökonom und Moralphilosoph Adam Smith die unbewusste Förderung des Gemeinwohls beschrieb. Wenn alle Akteure an ihrem eigenen Wohl orientiert seien, führe eine … Selbstregulierung des Wirtschaftslebens zu einer optimalen Produktionsmenge … sowie zu einer gerechten Verteilung. Da sich dieser Effekt bis heute nicht einstellte, überlegt man , ob diese Theorie vielleicht von Smith ironisch verstanden worden war. Jedenfalls hat sich Mathis beim Bildträger für weniger entschieden. Die Klebefolie mit den Schuhen der arbeitenden Klasse und der „unsichtbaren Hand“ trägt kaum auf.
Eher mehr als Weniger zeigt uns Anita M. Franz. Die „Doppelte Botschaft“ ihrer zwei Köpfe aus Holz auf Solnhofener Kalkstein könnte aktueller kaum sein.
Nichts von Minimalismus hält der Maulwurf von Barbara Kraus. Wieso sich auf einen Haufen beschränken, wenn man viele machen kann, lautet seine sehr menschliche Frage? Alles andere als minimalistisch ist Dieter
Serfas`eine Arbeit „Hoch dem Teddybär“, der Zivilisationsmüll und das kaputt geliebte Kuscheltier in einem Goldrahmen zusammenfasst, der sonst Ahnenporträts vorbehalten bleibt. Kein Material einzukaufen, diesem Prinzip bleibt er in seiner anderen Arbeit „Alle Vögel fliegen hoch!“. Die Vögel sind aus gebrauchten Drahtkleiderbügeln gebogen.
In die Kategorie Materialbeschränkung fällt auch Silberschmiedin Gerlinde Berger. Unter dem Motto „Minimalismus als ästhetische Entscheidung“ zeigt sie in der Vitrine eine „Kleine Biegerei“. Anstelle von Silber und Gold sind es Kupfer- und Stahldraht, aus denen sie einen Einkaufswagen formt, angesichts dessen dem Gesicht daneben fast die Augen aus dem Kopf fallen. Am anderen Ende der Vitrine behauptet Ute Planks Malerei auf einen Teebeutel „Weniger ist leer“ und spielt damit auf den mehrfach preisgekrönten Slogan von Brot für die Welt und der Agentur Gute Botschafter 2008 an, der 2021 noch einmal mit dem
Deutschen Nachhaltigkeitspreis Design ausgezeichnet wurde.
Vielleicht auf Selbstdisziplin beim Konsum zielt Anke Hahns Zeichnung „Kein Buch mehr“ ab. Erst den Stapel auf dem Nachttisch lesen, bevor man sich ein neues Buch kauft?
An der Wand gegenüber schweben keramische Objekte von Angelika Krauß durch ein imaginäres All. Die arbeiten mit dem Titel „Perspektivenwechsel“ wurden in Hüfingen im Schwarzwald mit dem Jurypreis ausgezeichnet und stellen unsere Erwartungen an Keramik auf den Kopf.
Konsumkritik kann man auch in Vivian Christleins Arbeit entdecken. Sie ist unser neuestes Mitglied und ich möchte sie an dieser stelle noch einmal offiziell und ganz herzlich willkommen heißen. Bei ihrer Aufnahme hat es Kuddelmuddel bei den Formalitäten gegeben, doch die Hürden sind genommen und Vivian ist da! Herzlich willkommen! Vivian ist Textilkünstlerin und gewohnt, mit üppigen und wertvollen Stoffen zu arbeiten. Ihre Collage aber präsentiert sie auf einer alten Bastmatte, denn auch ihr Protagonist lebt prekär. Doch stolz fährt er sein Geschenk, das er im Supermarkt ergattert hat, heim zu seiner Liebsten. Status, Reichtum, Macht zählt nicht, nur die Liebe. So Vivian Christlein.
Weniger Technik- mehr Intuition in der Kunst? Zu dieser inneren Haltung passt für mich Inge-Bärbel Drexel Materialcollage „Durchsicht“. Mit einem feinen Gespür für Farbe und Stofflichkeit arrangiert sie einen Hauch von Stoff auf dem Malgrund. Ingrid Pflaums Farbfeldmalereien sind für mich auch Beispiele dafür, sich von der Farbe leiten zu lassen. Weniger Planung-mehr Wahrnehmung. Theresa Blaßdörfers „Flamingo-Bingo“ eine Collage mit Buntstift-Elementen, gibt dem spielerischen Zufall Raum. Barbara Henning benutzt zwar die Technik eines Fotoprogramms, doch lässt sie für ihre „Hersbruck reloaded“-Serie, die historische und aktuelle Lichtbilder von Hersbruck vereint, auch dem Zufall großen Raum.
Mit einem „weniger“ der ganz besonderen Art musste Ruth Wittmann zurechtkommen: mitten in der Zeichnung lief ihr das Modell davon! Die Lehre, die sie daraus zieht, zeigt sich im Titel der Arbeit. „Vergangenes loslassen und sich auf den Augenblick konzentrieren“. Weniger immer, mehr jetzt.
Chris Rupp vereint Gegensätze in ihrem zweiteiligen Materialbild „Heimaterde“. Erde, Schlamm, Staub wird manchmal lediglich als Dreck wahrgenommen, lädt man sie mit Bedeutung auf, gewinnt sie außerordentlich an Symbolkraft. „Heimaterde“ ein starker und heutzutage doch auch instabiler Begriff.
Dass die Natur sowieso ihre eigenen Wege hat, sich unseren Bemühungen, ihr „Weniger“ zuzugestehen, entgegenzusetzen, davon erzählt Ina Schillings zweiteilige Arbeit. „Ich komme wieder, sagt der Baumstumpf“.
Gulschan Rokzads Bild erscheint trügerisch schlicht. Ein Weg, ein Baum, ein Himmel. Und doch ist der Weg ein kraftvolles Symbol für unser ganzes Leben und die verschlungenen Wege, die es uns oft führt.
Ein Blatt von ihrem Baum erscheint im Bild daneben bei Michael Steinlein. Scherz beiseite, Michael hat sein Blatt in der alten Heimat Bayreuth auf dem Festspielhügel gefunden und eine Monotypie damit angefertigt, Eine Drucktechnik, aber eine, bei der nur ein Druck existiert. Weniger. Mehr.
Reduktion in noch einer anderen Spielart ist bei Uli Olpps gebogener und bemalter Alu-Skulptur „vermessen“. Findet er die Menschheit vermessen? Hat er sich beim Zuschneiden des Materials vermessen? Oder hat er es doch richtig vermessen? Jedenfalls gilt hier: weniger Material, mehr interessante Schattenwürfe, jedenfalls wenn es mehr als eine Lichtquelle gibt.
Formal eingeschränkt hat sich auch Catrin Klott: ein Hintergrund, eine Linie - und doch ist dieses weniger Symbol für das mehr eines Sonnenaufgangs, eines neuen Tags.
Die Stadtansicht von Jutta Schwarz folgt einem ähnlichen Prinzip. Die Skyline nimmt im Bild nur etwa ein Fünftel des Raums ein. Weniger Stadt, mehr Himmel.
Der Winter reduziert die Landschaft auf eine weiße Fläche mit wenigen Elementen, der Akt entbindet den Menschen von seinen Statussymbolen, nur der nackte Körper bleibt. Beides meisterhaft dargestellt von Nora Matocza.
Für das große Finale sehen wir uns nun noch die Arbeiten an, bei denen an der Farbe NICHT gespart wurde. In der Vitrine und oben als zu drehende Scheibe am Fachwerk sehen wir Malerei von Doris Kabutke. Sie hat die Platte eines ehemaligen Stuhls und eine Holzplatte für Wurst oder Käse als Malgrund verwendet und stellt die Urmutter dar, die uns alle nährt und die Welt im Innersten zusammenhält. „Kunst küßt Mathe“, so Doris, in den Sinus und Cosinus Kurven, die durch ein Bild schwingen. „Blue Notes“, die Zwischentöne im Jazz, liefern den Titel für das andere. Viel Symbolik in Farbe und Motiv.
Stefan Stöber bringt eine andere Art der Welt-Ordnung zu Papier. Mit der anspruchsvollen und jahrhundertealten Technik der Temperamalerei zeigt er uns die „Winkelordnung Grundfiguren III“.
Die Motivwahl in der Arbeit von Agathe Meier nebenan scheint ähnlich, doch der zweite Blick offenbart bei „Hexagon 18460“ feinste, präzise Näharbeit, um die Dreidimensionalität ihrer Motive zu erzielen.
Die Geschichte von Anna und Melanie Hehlingers Gemeinschaftsarbeit hat mich richtig glücklich gemacht: Melanie hat die Forderung von Kindern, die immer nach Mehr und Mehr verlangen, ein Verhalten, das wir als Erwachsene munter fortsetzen, in ihre Bildsprache übersetzt. Ihre Tochter Anna hat den Buchstaben A beigesteuert. Und plötzlich erscheint im Bild das, bei dem kein Weniger geboten ist, sondern immer ein Mehr: more Amore -mehr Liebe liest es sich jetzt!
Ute Plank
Kunstgenuss im Doppelpack
Von wegen Sommerloch: das Kunstmuseum Hersbruck plant im Juli in Kooperation mit der Original Hersbrucker Bücherwerkstätte ein kunstvolles Wochenende zum Feiern und Genießen. Als Popup-Ausstellung, also einer kurzen Werkschau mit nur zwei Tagen Dauer werden im Museum Originalgrafiken und Künstlerbücher von Cornelius Brändle und Hanneke van der Hoeven gezeigt. Ihre Drucke und Künstlerbücher werden nur in kleinen Auflagen gedruckt, und eröffnen damit den Freiraum für interessante Experimente.
Künstler sind während den Öffnungszeiten der Ausstellung anwesend. Die Ausstellung setzt eine Ausstellungsreihe fort, die bereits die ‚Edition Klaus Raasch/Schwarze Kunst‘ aus Hamburg und die Künstlerinnen-Gemeinschaft „augenfalter“ aus Leipzig gezeigt hat. Cornelius Brändle und Hanneke van der Hoeven kommen beide aus Berlin und veranstalten dort die artbook berlin. Eröffnung ist am Freitag, den 19. Juli um 18 Uhr, geöffnet ist am Samstag, 20.7. von 11 bis 18 Uhr und Sonntag von 11 bis 16 Uhr. Zum besonderen Genuss kann der Besuch des Museums am Samstag zwischen 15 und 19 Uhr werden, denn da feiert das Kunstmuseum mit kleinen Speisen und Getränken im Graben hinter dem Museum. Livemusik kommt ab 16 Uhr von Thomas Raum und Klaus Wagner.
Zeitgleich zeigt nur ein paar Schritte entfernt die 1969 gegründete Original Hersbrucker Bücherwerkstätte zu ihrem 55.Geburtstag im Wehrgang oberhalb der Werkstatt im Mauerweg 17a Titelblätter des langjährigen literarischen Kalenders aus.Die serielle Hängung der Kalenderblätter mit dem Titel „Wegbegleiter“ passt gut zum architektonischen Rhythmus des Wehrgangs und die Präsentation der Kalendertitel wird das umfassende Autorenspektrum zeigen, mit dem die Werkstatt zusammengearbeitet hat und noch zusammenarbeitet. Der Kalender ist tatsächlich ein literarisches Periodikum und seine Ausgabe im Winter fest verankert im Hersbrucker Kunst-Kalender. Die Eröffnung ist am Freitag, den 19. Juli um 19 Uhr, Werkstatt und Wehrgang zugänglich Samstag und Sonntag von 14 bis 17 Uhr.
Von Tieren und Menschen – das Kunstmuseum wird zum Taubenschlag
Von der Friedenstaube über Opfergabe zu Delikatesse und Taubenplage- das Verhältnis der Menschen zu Tauben ist vielschichtig und nicht immer ungetrübt. Umso spannender ist es, was es an Gedankengängen auslösen kann, wenn ein Schwarm Wandertauben und ein Mähnenwolf das kleine Torhaus in ein Gesamtkunstwerk verwandeln. Der Künstler Kai Klahre hat das kleine, perfekt gemalte Porträt eines sympathisch hechelnden Mähnenwolfs in die Mitte einer ansonsten leeren Wand gesetzt. Eine Lernaufgabe für das Hersbrucker Publikum, dass weniger manchmal mehr ist. Das Bildchen beginnt seine Kraftwellen in den Raum auszubreiten, ungestört von ablenkenden Nachbarn. An den anderen Wänden haben sich aus Aluminium geschnittene und bemalte Tauben- Individuen als spannungsreiche Komposition niedergelassen. Der alte König, die Prinzessin, Brüderchen und Schwesterchen lassen eine märchenhafte Völkerschar vor dem inneren Auge entstehen. Liebling der Nacht, Geist einer Krähe und ein kleiner Atelierwächter beleuchten die mystische Seite der Vogelwesen. Vögel leben als Spezies weithin unbeeindruckt von uns Menschen ihr eigenes Leben und bieten so auch ein Feld für unsere Projektionen. Und mit Wandertauben ist es so eine Sache. Sie wurden vor einem Jahrhundert ausgerottet. So ist es ein Blick zurück in die Zukunft, der angesichts des Artensterbens unserer Tage eine schmerzhafte Brisanz bekommt.
Zwischen den Vogelobjekten hängen einige meisterhafte Lithographien, Zeichnungen und Cut-outs, bei denen durch verschiedene Papierebenen Dioramen entstehen. Immer lohnt sich das Eintauchen in diese Bildwelten, die ihre Bedeutungen nicht sofort preisgeben, sondern ein genaues Betrachten einfordern.
In der Mitte des Ausstellungsraums steht das Relikt überkommener Ausstellungstradition, eine schwere Vitrine. Kai Klahre nutzt sie, um durch einen über die Jahre gewachsenen Farbberg, entstanden aus den Farbresten auf der Palette, ein bisschen Atelieratmosphäre entstehen zu lassen. Zwei kleine Bronzefiguren bevölkern den Berg, der dadurch allerlei Assoziationen weckt: eine Landschaft, ein Müllberg, Überkonsum? Eine Insel, ein „Alles für uns“ umstanden von staunenden Tieren aus Alufolie, vor Ort zusammengedreht. Eine Schiffsschraube lässt die Interpretationsmöglichkeiten in Richtung Arche Noah driften, oder ist es das Boot, in dem wir alle sitzen?
Karin Plank-Hauter
Lesen Sie hier die Laudatio von Kunsthistorikerin Dr. Teresa Bischoff:
Es ist mir erneut Freude und Ehre zugleich heute Abend einige Worte für Dich, lieber Kai, sprechen zu dürfen.
Etliche Überlegungen gehen solch einer Aufgabe stets voraus. Nach längerem Nachsinnen über Deine Werke, über Dich als Künstler und natürlich über diese Ausstellung haben sich einige Gedanken herauskristallisiert. Sie lassen sich am besten mittels einer Geschichte erzählen, die uns aus der Antike überliefert ist. Vieles trägt sie in sich, was meiner Ansicht nach auch Deine Kunst, lieber Kai, auszeichnet.
Die Tochter eines Töpfers aus Korinth, namens Dibutade, verabschiedete sich eines Abends von ihrem Geliebten, der sie am darauffolgenden Tag verlassen musste, da er auf Reisen ging. Vor seinem Weggehen bat seine Freundin ihn vor einer Wand Platz zu nehmen. Sie nahm eine Kerze, worauf sich der Schattenumriss des Kopfes ihres Geliebten auf der hellen Fläche der Wand abbildete. Mit einem Stück Kohle zeichnete sie die Form nach. Als ihr Vater am darauffolgenden Tag die Zeichnung an der Wand sah, nahm er eine Handvoll Ton, füllte die Umrisslinie aus und formte daraus noch zusätzlich ein Relief mit den Zügen des Freundes seiner Tochter.
Plinius der Ältere hat in seiner Naturgeschichte, der naturalis historia, einer Art antikem Lexikon, diesen Mythos zur Erklärung angeführt wie denn eigentlich die Kunst in die Welt gekommen sei. Zwei Aspekte scheinen mir dabei bemerkenswert, die sich beide mühelos auf Kais Kunst übertragen lassen: zum einen ist es die Zuneigung zum Motiv, die überhaupt dazu führt, dass der gestalterische Wille geweckt wird, zum anderen ist es die Zeichnung oder besser gesagt die Umrisslinie mit der und durch welche der künstlerische Schaffensprozess doch erst seinen Anfang nimmt.
Wollen wir zunächst mit Letzterem beginnen. Wer schon einmal das Privileg hatte Kais Skizzenbücher sehen zu dürfen, der weiß, dass in diesen Blättern bereits alles steckt, was die späteren und folgenden Kunstwerke seiner Hand ausmacht. Auf der Zeichnung gründet alles.
Der Disegno, so nannte man in der Renaissance die Kunstform der Zeichnung, wurde aber auch deshalb in der Kunstgeschichte so hoch geschätzt, weil er mit einfachsten Mitteln die Übertragung des Geistigen ins Physische ermöglicht. Die Linie übermittelt einerseits das im Inneren erdachte ins Äußere, andererseits ist sie es auch, die die künstlerische Form vom Äußeren, Realen, Nichtkünstlerischen abgrenzt. Ein einziger eleganter Strich auf feinem Papier kann so bereits zum autonomen Kunstwerk avancieren.
Betrachtet man Kais Werke der letzten Zeit, so spielt die Linie jedoch nicht nur im zeichnerischen Prozess eine große Rolle, sie setzt sich in allen anderen künstlerischen Ausdrucksformen fort: die Linie kann gezeichnet, geschnitten, gemalt, sogar geformt oder gegossen sein. Denn auch Materialien werden vom Künstler immer freier und vielfältiger gewählt und angewandt. Vom klassischen Papier über die von ihm so sehr geschätzten bildtragenden Metallplatten bis hin zum Aluguss und der Bronze: Es scheint mir stets als würde sich die Idee selbständig ihre Form suchen. Kais Wille als Künstler kennt keine Grenzen. Er durchdringt die Dimensionen und die Materialien. Lassen sich einige der Arbeiten noch den klassischen kunsthistorischen Gattungen wie Grafik, Gemälde oder Plastik zuordnen, so scheinen mir bei vielen Arbeiten dieses traditionelle Klassifizierungssystem obsolet.
Kai ist einer der wenigen zeitgenössischen Künstler, der sich so universell auszudrücken vermag. Ein Aspekt, der ebenfalls schon in der eingangs erwähnten antiken Legende vorkommt. Die Fläche ist nicht genug und so dürfen sich viele der Figuren und Tiere, die Kai stets auf solch sorgsame und fürsorgliche Weise zum künstlerischen Leben erweckt, nun verlebendigen. Sie sind nicht länger an die Ebene gebunden. Und falls sie es doch sind, so werden sie zumindest von ihrer rechteckigen Rahmung entbunden. Behutsam befreit Kai seine Tiere vom eckigen Käfig der vorgegebenen Formate um ihnen in ihrer Individualität bewegliche Gestalt zu verleihen.
Rasch sind wir nun beim zweiten Aspekt unserer Legende angelangt: das Werkschaffen des Kai Klahre wäre undenkbar ohne die große Zuneigung, Sympathie und vielleicht darf ich es sagen, Liebe zu seinen Motiven. Ich kenne keinen zweiten Künstler, der mit solcher Verve und solchem Enthusiasmus von denjenigen spricht, die er in seinen Werken zeigt.
Wandertauben und ein Mähnenwolf heißt diese Ausstellung. Lebewesen ist sie gewidmet, denen man vermutlich sonst nicht allzuviel Aufmerksamkeit schenkt. So trägt das zweit genannte Tier zwar den Wolf im Namen, gehört aber eigentlich zur Art der Wildhunde. Im Zoo in Halle, wo er sich bisweilen zeigt, kann man ihn bewundern, vor allem aber ist der Mähnenwolf in Südamerika zuhause und hat eine sehr individuelle Art zu leben. Nicht in Rudeln, meist alleine streift er auf seinen langen Beinen durch die dortigen Wälder. Er ist eine Erinnerung an längst vergangene Zeiten vor Millionen von Jahren als diese Art sich gebildet hat. Ein kleines umso feineres individuelles Porträt hat der Künstler dem Mähnenwolf gewidmet. Es ist das einzige durchgemalte Bild der Ausstellung.
Ebenfalls eine Erinnerung an längst vergangene Zeiten ist die ihm beigesellte Vogelschar.
Es ist eine Vogelart, der wir im Alltag kaum Beachtung schenken und wenn dann meist nur, weil wir uns von ihr gestört fühlen. Von den Wandertauben haben sich die Menschen sogar so sehr gestört gefühlt, dass es sie heute nicht mehr gibt. Im Norden Amerikas angesiedelt, zählte die Wandertaube noch Anfang des 19. Jahrhunderts mit einem geschätzten Gesamtbestand von drei bis fünf Milliarden Exemplaren zu den häufigsten Vogelarten der Welt. Sie durchzog in heute unvorstellbar großen Schwärmen aus Hunderten oder Tausenden Individuen das Land. Zeitgenössische Quellen sprachen von Zugbewegungen, die den Himmel verdunkelt hätten und Tage andauerten. Umso dramatischer ist die Tatsache ihrer Ausrottung. Die Wandertaube wurde zum Symbol für den Raubbau an der Natur. 1914 verstarb das letzte Exemplar. Kai setzt mit seiner Arbeit diesen Tieren nun ein künstlerisches Denkmal. Er holt sie zurück in unser Bewusstsein.
Nahezu innig hat der Künstler sich mit seinem Metier beschäftigt, die Tiere studiert in ihrer Geschichte und mit ihren Geschichten. Stehen Tauben doch nahezu in allen großen Erzählungen für Liebe, Treue und Spiritualität. Mit dem Schneidbrenner hat er jedes Tier als cutout gestaltet und dadurch zum Individuum gemacht. Der Künstler verleiht jedem einzelnen seine persönliche Gestalt, derer man im großen Schwarm gar nicht gewahr werden würde, die aber dennoch existiert. Betrachtet man die kleinen Vögel näher, so scheint es, als hätte tatsächlich jedes Tier seine ganz eigene Wesenhaftigkeit erhalten: von mutig, bis zurückhaltend, von königlich mit Krönchen bis schlicht, von vorwitzig bis schüchtern. Trotz aller Realitätsnähe lässt Kai den Betrachter jedoch nie vergessen, dass es Tiere aus einer anderen Welt sind, einer künstlerischen Dimension, die nur durch ihn sichtbar gemacht wird.
Hierfür wird dann jedoch eine künstlerische Zutat benötigt, die in der antiken Legende nicht vorkommt: nämlich die Farbe. Erst durch das Kolorit kann das glänzende Gefieder der Tauben schillern, das flauschige Fell des Mähnenwolfs so verlockend weich erscheinen. Und ganz ungewöhnlich für eine Ausstellung, in der man meist ja nur das fertige Werk zu sehen bekommt, gestattet Kai uns sogar einen kleinen Blick hinter die Kulissen, öffnet er einen Spalt weit den Vorhang zum entstehenden Schaffensprozess seiner Werke. Sein lieb gewonnener Farbhaufen aus dem Atelier durfte von Nürnberg hierher nach Hersbruck reisen.
Und nun zum Abschluss darf ich dem Künstler das Wort erteilen. Ich möchte mit einem wörtlichen Zitat von Kai schließen, das er mir im Vorfeld dieser Ausstellung schrieb: „15 Jahre Farbe der Paletten. Beste Farbe, der besten Firmen. ^•^ Auf dem Berg sitzen ja zwei Bronzen. Mann und Frau. Vielleicht setze ich noch Alutierchen drumherum, um eine Verbindung zum Metall aufzunehmen. Im Ganzen müsste das eine sehr gute Auswahl sein, und die Schau wird zum Kreis.“
Das Laufer Zimmermuseum im Hersbrucker Kunstmuseum
„Ist der Sammeltrieb die Konsequenz kaum logischer Faszination beim Finden von Dingen, Ideen und Kommentaren zum Leben?“ Diese Frage stellte sich Wilfried Appelt selbst, um herauszufinden, was die Antriebskraft seiner Sammlung von über 1000 Objekten aus dem Bereich Kunst gewesen sein könnte. Er begann 1990 mit seiner inzwischen verstorbenen Frau Renate mit ausgeprägtem Sinn für Qualität Bilder und Objekte von Künstlern aus der Region zusammenzutragen und in ihrer Wohnung in Leinburg auszustellen.
Diese wurde jedoch bald zu klein, sodass im Jahr 2003 in den acht Zimmern der Laufer Matthes-Villa, die jetzt Villa am Eck heißt, das Laufer Zimmermuseum entstand, das seit 2014 von einem rührigen Förderverein unterstützt wird. Teile dieser umfangreichen Sammlung werden seit dem 6.2 im Hersbrucker Kunstmuseum beim Spitaltor gezeigt. Mit einführenden Worten eröffnete der Vorsitzende des Fördervereins des Kunstmuseums Hersbruck Uli Olpp, sowie Landrat Armin Kroder eine der ungewöhnlichsten privaten Kunstsammlungen Süddeutschlands. Einige raumbezogene Fotoinstallationen zeigen, in welchem Kontext diese Werke normalerweise stehen. In der andersgearteten Raumsituation, in der sie jetzt ausgestellt werden, bekommen sie völlig neue Bezüge und vermitteln in ihrer Gegenüberstellung neue Erkenntnisse über die Welt und über das Wesen der Kunst. Sie zeigen ein Panorama des Menschen inmitten der Dinge, mit denen er sich umgibt. Neben Gemälden, Zeichnungen und Druckgrafiken werden auch Zeugnisse der Kulturgeschichte, zum Beispiel historische Rechenmaschinen, Haushaltsgegenstände und Spielzeug gezeigt. In ihrer Laudatio verglich die Leiterin der Nürnberger Kunstvilla im KunstKulturQuartier, Frau Dr. Andrea Dippel das Appeltsche Zimmermuseum mit den Privatsammlungen der Wallace Collection in London und der Sammlung von Peggy Guggenheim in Venedig. Sie wies darauf hin, dass geschätzte 75 % aller in Kunstmuseen ausgestellten Werke aus Stiftungen d. h. ursprünglich aus Privatbesitz stammen. Auch erinnerte sie daran, dass der Sammeltrieb ein genetisches Erbe aus der Frühzeit der Menschheit ist, zu den Grundkonstanten menschlicher Gesellschaften gehört und eine eigene sinnstiftende Ordnung darin herstellt. „Man muss eine Obacht geben“, der Untertitel der Ausstellung, ist ein sprachlich durchaus eigenwilliges, aber gut gewähltes Zitat des früh verstorbenen Philipp Moll, der heuer 50 Jahre alt geworden wäre, von dem ein Quartettorakel in der Ausstellung zu sehen ist, in dem es heißt: „…aber oft reicht schon das sehr genaue hin schauen damit man einen Zweifel bekommt.“ Neben einer kleinen Arbeit von Joseph Beuys und dem Computerpionier Konrad Zuse finden sich in der Ausstellung vor allem Werke regionaler Künstler in der Sammlung Appelt, zum Beispiel von Toni Burghart, Horst Antes, Bodo Boden, Peter Angermann, Rainer Zitta und anderen, die einen Bezug zur Nürnberger Akademie der Bildenden Künste haben, die lange Zeit eine Depandance im Laufer Wenzelsschloss unterhielt.
Die Ausstellung, der man viele Besucher wünscht, ist noch bis 26. April bei freiem Eintritt Mittwoch – Samstag 15 bis 18 Uhr und Sonntag 14 – 18 Uhr im Kunstmuseum am Spitaltor zu sehen.
GERDA MÜNZENBERG
Eine Schatztruhe voll Kunst wird geöffnet
Teile des „Zimmermuseums“ werden in Hersbruck gezeigt
Ein absolutes regionales Kleinod kommt nach Hersbruck, eines, das viele Hersbrucker noch gar nicht kennen: Laufs „Zimmermuseum“ mit Werken aus der Sammlung Appelt, die unter anderem über 1000 Kunstwerke zeitgenössischer Maler mit Schwerpunkt in der Region umfasst, wird von 6. Februar bis 24. April 2020 in Hersbrucker Kunstmuseum ausgestellt, oder – wie sich Kenner des kleinen Museums im Torwärterhäuschen am Spitaltor unschwer vorstellen können - zumindest Teile davon.
Platzprobleme sind dem rührigen Sammler Wilfried Appelt nur zu vertraut. Die vielen, vielen Kunstwerke, die er seit 1990 mit seiner inzwischen verstorbenen Frau Renate von angehenden und bereits etablierten Künstlern erworben hat, vor allem in der für ihn nahegelegenen Außenstelle der Akademie der Bildenden Künste im Laufer Wenzelschloss, fanden in der Wohnung der beiden Platz, in denen die regionale und aktuelle Kunst wirklich Rahmen an Rahmen hängt und sich den Platz mit Objekten, hsitorischen Rechenmaschinen und ganz normalem Mobiliar teilt. Die Acht-Zimmer-Wohnung in der Laufer Matthes-Villa (jetzt „Villa am Eck“) heißt seit 2003, als die Presse auf die Sammlung aufmerksam wurde, offiziell das „Zimmermuseum“. Über neue angemessene Räume mit mehr Platz wird in der Stadt Lauf und im „Kunstverein Lauf - Gesellschaft Zimmermuseum“ intensiv nachgedacht. Der Kunstverein, der sich im Frühjahr 2014 gegründet hat, hat die Verpflichtung übernommen, die Sammlung der Öffentlichkeit zu präsentieren und zugänglich zu machen.
Wilfried Appelt und seine Frau haben nicht beliebig, sondern mit einem sehr sicheren Gespür für Qualität gesammelt - und das ohne außergewöhnliche finanzielle Ressourcen. Der ehemalige Lehrer und seine Frau haben eben auf teure Urlaube verzichtet, um innerhalb eines Jahrzehnts die ungewöhnliche Sammlung aufzubauen, aus der sich nun Werke von Reiner Zitta, Hans-Peter Reuter, Peter Angermann, Eva von Platen, Philipp Moll, Fredder Wanoth, Cornelia Effner und vielen anderen in den Räumen des Kunstmuseums tummeln.
Ein sicherer Anzeiger für die Qualität des Zimmermuseum-Inhalts ist auch das anhaltende Engagement von Dr. Andrea Dippel, die die Nürnberger Kunstvilla im KunstKulturQuartier leitet. Sie sagte der Pegnitz-Zeitung bereits 2013: „Die Sammlung ist einzigartig in ihrer Zusammenstellung. Sie schließt eine Lücke in der Metropolregion.“ Andrea Dippel wird zur Eröffnung im Kunstmuseum in die Sammlung einführen.
Die Ensembles und Installationen erleben in der anders gearteten Raumsituation des Hersbrucker Kunstmuseums neue Bezüge. Gespannt darf man deswegen auf die Präsentation sein: um den Platzmangel auszugleichen, arrangiert Appelt mit dem Museumsteam Großfotografien des Zimmermuseums zusammen mit originalen Werken der Kunst und Technik. Denn auch einige Exemplare der zahlenmäßig in der Sammlung Appelt ebenso häufig wie die Kunstwerke vertretenen Rechenmaschinen haben ihren Platz im Kunstmuseum gefunden. Die Schemazeichnung eines der ersten Computer der Welt des Erfinders und Unternehmers Konrad Ernst Otto Zuse bietet die Appelt so wichtige Schnittstelle „zwischen Kunst und Technik“. Nicht nur ist das zart gezeichnete Blatt hoch ästhetisch, es zeigt auch die Anfänge einer Technik, die heute unseren Alltag maßgeblich bestimmt.
Maschinen, Malerei und die wandfüllenden Fotografien von Gerd Dollhopf bieten im Museum ein Panorama des Menschen inmitten seiner „Dinge“. Sogar ein kleines Werk von Joseph Beuys ist zu sehen, Hinweis auf das Solotheaterstück „Der Hut von Beuys“ am 13. Februar im Museum.
Foto (Ute Scharrer): Regionale Kunst, Rechenmaschinen und Einblicke in das originale Laufer Zimmermuseum per „Fototapete“, das bietet die Ausstellung im Kunstmuseum, die am 6. Februar um 20 Uhr eröffnet wird.
Was aber ist Kunst?
Der Hut von Joseph Beuys oder Die Ursache liegt in der Zukunft
Einmanntheater mit Roland Eugen Beiküfner im Kunstmuseum
Inmitten der Exponate der Ausstellung „Zimmermuseum Appelt“ zeigte Roland Beiküfner im Kunstmuseum ein informatives Einpersonen-Theaterstück zur Kunst. Die Frage, was Kunst sei und was nicht, hat sich Joseph Beuys im Laufe seines Lebens immer wieder neu gestellt. Mehr als in der Rolle des Künstlers hat er sich wohl in der des Erlösers, des Schmerzensmannes, der die im Kapitalismus, im ökologischen Desaster versinkende Welt mit neuen Denkanstößen retten wollte, gesehen. Von den einen als Jahrhundertgenie Bejubelten, den anderen als Scharlatan und Guru Verspotteten, weiß man, dass er nie klassische Kunstwerke schaffen wollte. Er wollte nie als Künstler bezeichnet werden. „Nur wenn alle Menschen als Künstler gelten, bin ich wieder dabei“, hat er einmal gesagt. In Zeiten der Studentenrevolten neigte er mit seinen Performances sowohl zur Provokation als auch zur Poetisierung, was seinen zum Teil mystifizierten Lebenslauf ebenso betrifft wie seine äußere Erscheinung, die er durch Filzhut und Fliegerweste unverwechselbar machte. Friederike Pöhlmann-Grießinger, Kunsthistorikerin und Autorin, hat eine Idee von Roland Eugen Beiküfner aufgegriffen und in ein fiktives Zwiegespräch zwischen dem pensionierten Geschichtslehrer Roland Ebenhart, der ein ehemaliger Beuys-Schüler war und dessen legendärem Filzhut konzipiert. Das zweiaktige Theaterstück beleuchtet Leben, Denken und Werk des Aktionskünstlers, Bildhauers, Malers, Pädagogen und Politikers von zwei verschiedenen Seiten. Das Stück, am 5. Dezember 2008 in der Kofferfabrik Fürth uraufgeführt, wurde seither 51 Mal zum Beispiel in Regensburg, Heidelberg, Davos, München, Freiburg, Zürich und Berlin gespielt und war am vergangenen Donnerstag endlich im Hersbrucker Kunstmuseum zu sehen. Anderthalb Stunden lang, unterbrochen durch eine kurze Pause, bekamen die Zuhörer einen Einblick in das Phänomen Beuys. War er nur Wichtigtuer und Inszenierer seiner eigenen Person oder ein Erneuerer des Kunstbegriffs in der noch jungen BRD, der Vieles über die Überflussgesellschaft und notwendige Rettung der Natur schon in den 60er Jahren vorausgedacht hatte?
Im ersten Akt kommt Ebenhart mit Koffer die Treppe heraufgepoltert und berichtet von seinem Besuch im Beuys-Archiv auf Schloss Moyland, wo er auf die Ähnlichkeit seines Hutes mit dem Filzhut von Beuys aufmerksam gemacht wurde. Der fiktive Geschichtslehrer und der seinen Beuys bewundernde Hut begleitet den 1921 in Kleve Geborenen auf seinem Weg von dem legendären Flugzeugabsturz auf der Krim während des zweiten Weltkrieges, über seine Begegnung mit dem Tierfilmer Heinz Sielmann und sein Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie, seine ersten Ausstellungen und seine politischen Umtriebe, als er bereits Professor war, bis zur Besetzung des Sekretariats, was zur fristlosen Entlassung durch den damaligen Wissenschaftsminister Johannes Rau führte. Zu Beginn des zweiten Aktes rechtfertigt Ebenhart im kontroversen Zwiegespräch mit dem Hut Beuys politische Aktivitäten, seine Performances und Installationen in New York, im Münchner Gasteig und auf der 6. Dokumenta in Kassel, wo er das 7000-Eichen-Projekt ins Leben rief, in dem er Kassels ehemals kahle Straßen mit 7000 großen Stieleichen einsäumte. Beiküfner führte vor, wie die berühmte Capri-Batterie mit einer Zitrone und einer Glühlampe funktioniert. Der „Hut“ zeigte auch auf, dass Beuys bereits früh auf die zerstörerischen Auswirkungen des Kapitalismus auf die Menschen, die Gesellschaft und die Kunst hingewiesen hatte. Denn die Phantasie, so glaubte er, sei in der Lage, neue Realitäten zu schaffen oder schon bestehende zu verändern. Es gibt bei ihm keinen allgemeinen Kunstbegriff, jede kreative Idee, alles kreativ und neu Gedachte ist Kunst. Mit dieser Auffassung hat Beuys versucht, die bestehende Kluft zwischen Kunst und Wissenschaft in seiner Zeit aufzuheben. Noch bis zum 26.4. zeigt Wilfried Appelt, ganz im Sinne Beuys, Teile seiner Sammlung „Das Zimmermuseum“ im KMH. Er stellt zum Beispiel einen Schaltplan von Konrad Zuse, dem Computerpionier, diverse Rechenmaschinen und Kitschkatzen direkt den Kunstwerken gegenüber und dokumentiert so die Gleichwertigkeit jeder kreativen Leistung. Eine lebhafte Diskussion zwischen dem Publikum, dem Darsteller Roland Eugen Beiküfner, der Verfasserin Friederike Pöhlmann-Grießinger, sowie dem Initiator dieses überaus interessanten und zum Denken anregenden Abends, dem Bildhauer und Museumleiter Uli Olpp, über das Phänomen Beuys folgte dem bis auf den letzten Platz ausgebuchten ungewöhnlichen Theaterabend.
GERDA MÜNZENBERG
Fiktives Tagebuch mit provokantem Inhalt
Künstler Fredder Wanoth treibt Beobachtungen eines Hersbruck-Aufenthalts auf die Spitze
„Gezeichnet“ ist das diesjährige Thema der Künstlermitglieder das Kunstmuseums Hersbruck für ihre Ausstellung zum Jahresende. Eine Zeichnung sticht dabei besonders hervor: nicht nur, dass die Einzelzeichnungen aneinander gereiht eine ganze Wand bedecken und das solchermassen „zerfledderte“ Skizzenbuch des Nürnbergers Fredder Wanoth mehr handgeschriebenen Text als Bilder enthält, das fiktive Tagbuch enthüllt dem aufmerksamen Leser auch nach und nach den Einblick in seltsame Denkvorgänge und einen nie dagewesenen Blick auf die Stadt Hersbruck.
Fredder Wanoth bezeichnet sich selbst als „Städtesammler und Städtegründer“. Bereits 2015 war er mit der Ausstellung „Extremistische Sakralbauten“ und seiner ständig wachsenden Miniaturstadt im Kunstmuseum vertreten (die HZ berichtete), inspiriert von Reisen nach Krakau, Turin und New York ebenso wie von ganz unscheinbaren Ecken in Nürnberg. Das besondere an Fredder Wanoths Herangehensweise ist, dass er sich diesen Städten wie ein Forscher in unbekannten Kulturkreisen nähert: nichts ist selbstverständlich, auch unscheinbare Kleinigkeiten sind der Betrachtung würdig und werfen ein Licht auf den Ort und seine Bewohner. Ein Vergnügen am Erfinden skurriler Geschichten kommt dazu.
Im heißen Sommer 2019 wurde eine wochenlange „Expedition“ nach Hersbruck durch einen unverhofften Kuraufenthalt in der Psorisol-Klinik ermöglicht. Von den überfüllten Arbeitstischen zuhause befreit, kaufte Fredder Wanoth lediglich ein Skizzenbuch, Bleistift und Spitzer, um sich zunächst von den Frakturschriften an den Hausfassaden inspirieren zu lassen, die in den Skizzen eine tragende Rolle spielen.
Ergebnisse sind exquisite und reduzierte Zeichnungen, die ungewöhnliche Perspektiven wie den Blick aus dem Krankenzimmer, die zentralperspektivische Ansicht des Friedhofs über einen Grabstein hinweg und Einwohner Hersbrucks in Biergarten und Gasthaus zeigen. So weit, so normal für ein Skizzenbuch, das mit tagebuchähnlichen Einträgen angereichert ist. Doch der Leser stolpert recht bald über eine seltsam altmodische Ausdrucksweise mit Fantasieworten, die die Psorisol-Klinik als „Psoriasis-Hospital“, den Fernseher als“Flachkathodengerät“ und den Anrufbeantworter als „Magnetaufzeichnungsgerät“ bezeichnen. Es gibt komische Episoden im Krankenhausalltag, wie die Ermahnung eines Angestellten, als der Tagebuchschreiber wiederholt im Schlafrock am Frühstücksbuffet auftaucht :“Ja, wo sind wir denn? Vielleicht im Adlon?“.
Es schleichen sich aber auch Worte in den Text, die beim kritischen Leser Alarmglocken schrillen lassen: „Ostmark“, „Volkskörper“, „Erbgut“, „Gesinnung“. Die Handlung verdichtet sich zu einem Politkrimi, zwischen Anwendungen in der Klinik und dem nachmittäglichen Eisessen scheint so etwas wie eine Verschwörung zur Zerstörung stattzufinden. Kryptische Nachrichten werden ausgetauscht und scheinbar nur durch einen glücklichen Zufall misslingt die Sprengung des Oberbeckens auf dem Deckersberg, weil der Ich-Erzähler jenes überraschend leer vorfindet.
Der Text ist schwer zu entschlüsseln. Selbst für den Hersbruck-Kundigen ist der ständige Wechsel zwischen offenbar realen Vorkommnissen, beobachteten und präzise beschriebenen Tatsachen, historischen Hersbrucker Ereignissen und der Gedankenwelt der Kunstfigur, für die Wanoth bewusst Irrtümer und krudes Gedankengut formuliert, extrem verwirrend. Die Übergänge verschwimmen und sind schwer zu trennen.
Was möchte Fredder Wanoth mit diesem provokanten Text bezwecken? Im Telefongespräch mit der HZ gibt er zu, dass Grenzüberschreitung durchaus in seiner Absicht liegt. Wichtigste Motivation, sich in die „Denke“ eines „Reichsbürgers“ hinein zu versetzen, ist aber ein Zitat des Philosophen Jean Paul: „Um zur Wahrheit zu gelangen, sollte jeder die Meinung seines Gegners zu verteidigen suchen.“ Wanoth versteht das so: in die die Denkweise von Menschen, die Meinungen vertreten, die er selbst ablehnt, möchte er sich hineinversetzen und auch das Gespräch mit ihnen nicht abreißen lassen.
Diese Aufgabe löst Fredder Wanoth mit dem Kunstgriff dieses halb fiktiven, halb realen Tagebuchs und mit der Rolle des Tagebuchschreibers, in die er hineinschlüpfen kann und die er „nach getaner Arbeit“ auch wieder verlässt: „Das ist das Privileg der Kunst!“, wie er dazu sagt.
Die Bedenken der Menschen möchte er ernst nehmen und gibt in seinem fiktiven Tagebuch eine typischen Stammtischkonversation so wieder: „Wir sind doch abgemeldet, wir sind doch froh, wenn wir uns noch das Bier leisten können!“ „Wenn wir uns nicht mehr aufregen dürfen, sind wir doch tot!“. Die Keime des Wutbürgertums notiert er ebenso wie die Freundlichkeit und Offenheit der Menschen, die er in Hersbruck kennenlernen durfte.
Fast wünscht man sich, das schön bebilderte Geheft hätte ein Thema mit weniger Sprengkraft. Doch Wanoth sieht mit Bedenken, dass sich selbst in der Kunst die Themen mehren, „an die man nicht rühren darf“.
Der letzte Satz im Tagebuch seiner Kunstfigur lautet: „Unglücklicherweise scheine ich aber in einer Zeit zu leben, in der die Kunst unfrei wird!“. Und diesen Satz meint Wanoth ganz ernst.
Fredder Wanoth, 1957 in Beilngries geboren, lebt als freischaffender Künstler in Nürnberg. Studium der freien Malerei an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, Meisterschüler bei Professor Ludwig Scharl. Zahlreiche Ausstellungen und Stipendiumsaufenthalte im In- und Ausland. 2001 Förderpreis für Kunst und Wissenschaft der Stadt Nürnberg, 2007 Wolfram-von-Eschenbach-Förderpreis des Bezirks Mittelfranken. Wanoth ist Mitgründer und -betreiber der Galerie Bernsteinzimmer, Nürnberg.
Wer sich selbst ein Bild dieses bewusst grenzüberschreitenden Kunstwerks machen will, kann es noch bis 22. Dezember im Kunstmuseum als an die Wand geheftetes Faksimile sehen. Das Museum ist bei freiem Eintritt Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag 15 – 18 Uhr und Sonntag 14 – 18 Uhr geöffnet.
Zu einem sehr zugänglichen Thema präsentieren dieses Jahr die Künstlermitglieder des Kunstmuseums Hersbruck ihre vorweihnachtliche Ausstellung: „Gezeichnet“ sind (fast) alle Exponate und beleuchten damit eine der ältesten Kulturtechniken der Menschheit. Bereits in den Höhlen der Vorzeit wurde mit Kohle an die Wände gezeichnet. Bis 22. Dezember zu sehen, die meisten Arbeiten sind käuflich.
Es gibt auch so etwas wie „Raumzeichnungen“ im kleinen Kunstmuseum am Spitaltor: Andreas Hauters geschnitzter „Romantischer Zeichner“ aus Eiche, Gerhard Meingasts Objekt aus Draht, das so fantasieanregend wie sein Name „Paginzavogel“ ist und Anita M. Franz` Skulptur „Gemeinschaft“ aus dunkel glasiertem Ton. Doch die meisten Arbeiten bleiben brav an der Wand und im Rahmen. Im Obergeschoss wuchern allerdings Zeichnungen mit viel Schrift über eine ganze Wand: Fredder Wanoths Tagebuch einer imaginären Person, das er während eines realen Klinikaufenthalts in Hersbruck „aufgezeichnet“ hat, enthält neben den feinen und reduzierten Zeichnungen der Kleinstadt auch allerhand Betrachtungen zu deren Seelenlage.
Museumsleiter Uli Olpp legt in seiner Laudatio im vollgepackten Museum allerhand Aspekte der Zeichnung offen. Er spricht von der Abstraktion der Wirklichkeit, die die schwarze Umrisslinie – in der Realität ja nicht existent – darstellt und dass sie doch für die menschliche Wahrnehmung perfekt nachvollziehbar ist. Selbst wenn sie lückenhaft ist, ergänzt das Gehirn auf wundersame Weise die fehlenden Stellen zu einem vollständigen Bild. Die schnelle Gedanken-Skizze, der mit selbstbewusstem Strich hingeworfene Eindruck auf einer Reise, die vorbereitende Zeichnung für einen Innenausbau sind im Museum zu entdecken. Uli Olpp weist darauf hin, welche Möglichkeiten der schwarzen Linie auf dem Papier innewohnen: mit der von ihr transportierten Information kann man Schiffe und Flugzeuge, Häuser, Maschinen und Fabriken bauen.
Auch die autarke Zeichnung als Kunstwerk ist in der Werkschau vertreten. Nora Matoczas zarte „Selbstbefragungen“, kleine Bleistift-Selfies, sind direkt neben Christoph Gerlings fast zum Schwarz ausgefüllten Gesichter mit dem Titel „Zu-Zeichnen zum Offenlegen“ zu finden. Pflanzenportraits, ganz präzise, fast botanisch oder fahrig wie die Aufzeichnungen eines Seismographen den Energiezentren im Garten nachspürend von Lydia Hahn-Lößl. Eine farbige Pinselzeichnung „Selbst mit Maulwurf“ von Heinz Thurn demonstriert eine unbekanntere Zeichentechnik. Daniel Hess zeigt Bergketten, die mit Ölkreiden und Chinesischer Tusche gezeichnet sind und Dieter Serfas´ aus Bleistiftzeichnung und kopierter Schrift und Notenblättern collagiertes Plakat für ein Jazzkonzert hat fast schon historischen Wert. Reiner Zittas total aus der Fantasie entstandene „evalution durch olgarythmus“ rundet die Reihe der Themen ab.
Geöffnet bis 22. Dezember jeweils Mittwoch bis Samstag von 15 bis 18 Uhr und Sonntag von 14 bis 18 Uhr. Amberger Straße 2, direkt am Spitaltor, Eintritt frei.
Bei Hempels überm Sofa
Kunstmuseum Hersbruck stellt Kunstwerke aus Privatbesitz aus – Viele persönliche Geschichten mit den Bildern verknüpft
„Geerbt, gekauft, geschenkt, gerettet – auf jeden Fall aber geliebt!“. Die Herkunftsgeschichten der Kunstwerke, die noch bis zum 10. November im Kunstmuseum in der Amberger Straße zu sehen sind, ist ebenso bunt und abwechslungsreich wie die Werke selbst. Alpenglühen und minimalistische Skulptur, klassisches Porträt und Fundstück vom Sperrmüll, der Bogen ist wirklich weit gespannt und lädt zum Staunen ein, was in Hersbruck so über den Sofas hängt.
„In so viele Häuser kann man gar nicht eingeladen werden, wie es nötig wäre, um all diese Kunstwerke zu sehen,“ erklärt Museumsleiter Uli Olpp den fast schon voyeuristischen Reiz der 35 Arbeiten von 33 Leihgebern. Deswegen bücken sich die Ausstellungsbesucher auch vor den Bildern, um die Geschichten zu lesen, die die Besitzer ihren „Lieblingskunstwerken“ mitgegeben haben. Von „zur Hochzeit geschenkt“ über „als Preis für eine deutsche Meisterschaft im Hochsprung gewonnen“ bis zu „auf dem Recyclinghof in München vor der Presse gerettet“ - die Arten, wie sich die Kunst in die Herzen ihrer Besitzer geschlichen hat, könnten unterschiedlicher nicht sein. Die Gründe dafür, Originale an den Wänden zu haben, vermutlich auch nicht. Barbara Leicht MA, die die Ausstellung kuratiert hat und mit einer Rede in die Ausstellung einführt, denkt über diese Gründe nach: in einer schnelllebigen Welt stellt Kunst einen Wert von Bestand dar, ist wertvoll, aber kein Konsumgut. Gehortet und gehütet, teils auch als Geldanlage angeschafft in der Hoffnung, das „Name-Dropping“ bekannter Künstler würde den Wiederverkaufswert in die Höhe schnellen lassen.
„Erkennen, was gut ist und wissen, was gefällt“, das erhofft sich Barbara Leicht ebenso von dieser Schau wie „denjenigen, die vielleicht noch keine Lust auf Kunst haben, Lust auf Kunst zu machen“, sie zu mehr Wahrnehmung zu animieren und gegebenenfalls auch zu einer kritischen Haltung. Letztendlich könnte der Reichtum an Kunst vielleicht auch dazu anzuregen, die eigene Wand mit einem Lieblingskunstwerk zu schmücken, das nicht im Discounter oder im Möbelhaus tausendfach verkauft wird.
Welche Bandbreite Originale dafür bieten, das lässt sich selbst auf dem kleinen Raum des Kunstmuseums leicht erahnen. Der „Kopf einer Frankfurter Bankiersgattin“ in Lebensgröße aus farbigem Polyesterguss von Volker Schildmann wäre mit ihrem intensiven Blick eine Bereicherung der besonderen Art für die eigene Wohnung. Viel unauffälliger lehnt eine Eisenplastik von Werner Knaupp in einer Ecke und verschließt sich der schnellen Deutung. Sonnenbeschienene Berggipfel fehlen ebenso wenig wie Blumensträuße, auch hier eine angenehm minimalistische Variante von Manfred Sonntag. Ein zierliches Segelboot hinter Glas, weil gedacht für ein „Herrenzimmer, in dem geraucht wird“ und ein „Wollbild“ einer irischen Kunsthandwerkerin, das an den Urlaub dort erinnert. Eine offenbar polarisierende kleine Skulptur von Hubert Baumann, halb Stuhl, halb Bauwerk aus schwarzem Ton, die nur einer Hälfte des Besitzerehepaars „so richtig gefällt“, aber trotzdem bleiben darf, weil „das letztlich Undefinierte- trotz ganz klarer Formsprache - gedankenanregend und damit geradezu Merkmal heutiger Kunst“ ist, wie die Besitzerin zu dem Werk notiert hat.
Die Frage Barbara Leichts, warum so wenig zeitgenössische Kunst in deutschen Wohnzimmmer hängt, beantwortet obiges Zitat vielleicht ganz gut. Die Bereitschaft, sich herausfordern zu lassen, auch in die Gemütlichkeitszone der eigenen vier Wände zu lassen, bringt nicht jeder mit.
Museumsleiter Uli Olpp freut sich dennoch über diese Folgeausstellung des Formats, das als „Slow-Art“ bereits 2012 viele Besucher anzog. Die verborgenen Schätze der Region zu entdecken und, wenn auch nur für kurze Zeit, zugänglich zu machen, lohnt auf jeden Fall und ist dank der Großzügigkeit der Leihgeber auch diesmal wieder sehr facettenreich.
Das Kunstmuseum in der Amberger Straße 2 ist geöffnet Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag 15 – 18 Uhr und Sonntag 14 – 18 Uhr. Der Eintritt ist frei, über freiwillige Spenden freut sich das ehrenamtlich arbeitende Team. Die Ausstellung dauert bis 10. November.
ANLEITUNG FÜR EINEN RUNDGANG
Wer gern alle Werke der 22 Mitwirkenden sehen will, fängt am besten an der Brücke am Jakobsplatz an.
Ortwin Michl aus Fürth hat an der Akademie der bildenden Künste in Nürnberg studiert und ist wie Christoph Gerling Mitglied von „Der Kreis“ Nürnberg. Blickt man von der Brücke Richtung Biergarten der Michelmühle, ragen auf einem Gestell aus Holz und Stahl zwei umgekehrte Gummistiefel in den Himmel. Der naturverbundene Ortwin Michl mit dem Faible für Reisen nach Schwedisch-Lappland, weist darauf hin, dass es schwedische Stiefel sind. „Überall, wo wir im Leben gehen, hinterlassen wir Spuren,“erläutert Michl. Alltagsmaterialien und Vorgefundenes zu verwenden, erscheint ihm hier angemessen, deswegen hat er auch einen im Wasser wippenden Zweig, der wie eine Skeletthand auf seine Installation weist, mit Kabelbindern verziert und ins Werk integriert. Ein Zitat von E.R. Hauschka hat er als Titel seiner Arbeit gewählt: „Denn wenn man in seinen Gedanken versinkt, darf man sich nicht mit seichtem Wasser begnügen“.
27 Meter lang treibt ein Farbband von Ingrid Pflaum von der gleichen Brücke. „Farbfelder im Flusslauf“ nennt die Leiterin des Hirtenmuseums und gelernte Porzellanmalerin ihre mit Acryl auf Leinwand gemalten Farbverläufe. Die Strömung und das glitzernde Sonnenlicht auf dem Wasser treiben ihr Spiel mit dem langen Farbband und lassen die weich ineinander übergehenden Farbfelder lebendig erscheinen.
Geht man den Obermühlweg entlang und quert die Brücke zum Mühlweg/Turnhalleninsel, sticht linkerhand in Neonorange das „Floss der Medusa“ von Reiner Zitta ins Auge. Zivilisationsüberbleibsel, „sonnenverbrannte“ Kunststofftiere und geschenkte Sparschweine machen hier Party auf dem Auslegerboot.
Nachgerade gruselig ist das „Schaufelrad“ von Martin Scheder. Schweineschädel und Rinds-Schultern „schaufeln“ hier das Pegnitzwasser und treiben ein Rad an, mit schaurigem Knacken klappert bei jeder Umdrehung ein Schäuferlknochen auf einen anderen. Ob es um Vergänglichkeit oder die fränkische Schäuferl-Kultur geht, darauf darf sich jeder selbst einen Reim machen. Martin Scheder aus Kursberg hat in Hersbruck schon oft mit filigraner, feinsinniger und nicht selten etwas morbider Kunst überzeugt.
Um so poetischer grüßen, wie schon vergangenes Jahr, Barbara Hennings „Flussgötter“ auf der rechten Seite der Brücke. 2019 bilden die Fotografien von Brunnenskulpturen in Hennings typischer Überlagerungstechnik den Rahmen einer großen Laterne, die in sanften Farben nächtlichen Kunstliebhabern heimleuchten soll.
Vor der Brücke ist eine Figur mit Durchblick von Nora Matocza dabei, ins Wasser zu „fallen“. Wie eine lebensfrohe farbige Zeichnung wirken die schlanken Linien, die einen menschlichen Körper bilden. Lacht sie oder erschreckt sie sich vor dem unvermeidlichen Sturz? Die an die Skulptur angebundene Plastiktüte suggeriert, dass die Harmlosigkeit des ersten Blikcs hinterfragt werden darf und soll. Die Künstlerin aus Weigendorf, ebenfalls Absolventin der AdBK Nürnberg, ist mit Malerei, Bildhauerei, Bühnenbild und Kinderbuchillustration unterwegs, stellt im In-und Ausland aus und ist eine leidenschaftliche Vermittlerin kreativen Tuns.
Zwischen Kneippbecken und der Brücke Richtung Turngasse befindet sich der Pavillon des Kunstmuseums Hersbruck, dessen Team die Freiluftausstellung ehrenamtlich stemmt. Täglich zwischen 17 und 19 Uhr ist das blaue Zelt besetzt, man kann sich den Flyer der Aktion holen oder den Katalog von „Kunst im Fluss 2018“ für 15 Euro kaufen. Auch Führungen werden angeboten.
In Laufrichtung links hat der Parsberger Künstler Fred Ziegler gelbe Luftballons im seichten Wasser versenkt. Fred Ziegler bleibt seiner Markenfarbe Gelb treu und spielt mit der Fragilität des Materials und der Tatsache, dass die Ballons unter Wasser bleiben – sie sind selbst mit Wasser gefüllt und mit Steinen beschwert, eine kleine Luftblase richtet sie nach oben aus. Am besten gefällt Fred Ziegler seine Arbeit „Erschwerung als Erleichterung“, wenn Enten das Wasser verwirbeln und so Lichtreflexe auf den Objekten erzeugen.
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Dahinter schaufelt Paolo Voltas fröhliches Wasserrad und setzt dadurch gelborange lanzettförmige Blätter in Bewegung. Seine atmosphärischen Architektur-Gemälde von Wasserkraftwerken in der Po-Ebene blieben 2018 in den Räumen des Kunstmuseums. Sein kinetisches Werk darf nun an die frische Luft.
Rechts der Brücke treibt eine Holzfigur von Ute Plank in der Strömung: Ophelia, die Verlobte Prinz Hamlets aus Shakespeares gleichnamiger Tragödie, ging aus Kummer ins Wasser. John Everett Millais hat ihr 1852 ein bildnerisches Denkmal gesetzt, an das sich Planks Figur anlehnt – bei ihr hat Ophelia allerdings eine verstörende und unwahre Nachricht per WhatsApp erhalten. „Fake News“ ist die schöne Wasserleiche deswegen betitelt und übt milde Kritik an der unglaubwürdigen Geschwätzigkeit sozialer Medien.
Dahinter steht wie eine elegante Zeichnung aus rostigem Stahl Uli Olpps „Flieger“ im Wasser. Nur die knappen Umrisse deuten die markante Form eines gefalteten Papierfliegers an. Bildhauer Uli Olpp hatte schon 2018 mit der zweiteiligen Skulptur „Das Jetzt im Fluss“ eine zierliche goldene Nadel auf der Wasseroberfläche schweben lassen. Dem Motto, Schweres leicht und Leichtes schwer wirken zu lassen, bleibt der Leiter des Kunstmuseums Hersbruck mit seinem Flugzeug aus Stahl treu. „Send a Message“ heißt sein Werk.
Direkt am Geländer hängt ein Acrylbild der in Wiesentheid ansässigen Malerin Elisabeth Versl-Waag. Ausgebildet u.a. von ihrem Vater, dem Kunstmaler Josef Versl und ihrer Mutter, einer Zeichenlehrerin bildet sie in ihren gegenständlichen Arbeiten gerne das Einfache und Alltägliche ab. Für ihre erste Teilnahme an „Kunst im Fluss“ hat sie nach einem Wasserthema gesucht und ihre Enkeltochter am Strand als Modell gewählt. Die aus dem zweidimensionalen Bild dreidimensional nach vorne ragende Angel hat scheinbar ein silbrig schimmerndes Metallstück aus dem Wasser gezogen.
Links der Brücke ragt unter den Blättern einer riesigen Weide ein blauschimmernder „Berg“ von Joachim Kersten auf. Wie ein glimmendes Gebirge oder eine Figur die sich in der Verwandlung befindet, wahrt die Skulptur ihr Geheimnis.
Joachim Kersten, geboren in Bamberg, hat Kunst studiert. Seine zwei Lebens- und Schaffensschwerpunkte sind Nürnberg und Fort Worth in Texas. Seiner internationalen Ausstellungstätigkeit fügt er nun Hersbruck hinzu. Die Farbe wird bei ihm nach eigener Aussage zum „abstrakten Landschaftsraum“ und er zielt darauf, die Emotionen, die er selbst in einer Landschaft verspürte, auch beim Betrachter zu wecken.
Beugt man sich auf der Brücke über das Geländer, sieht man die neun kleinen wasserdicht verschweißten Leinwände von Jeannine Piredda aus Tortoli/Sardinien auf dem Wasser tanzen. Intensive Augen und große Münder zeichnen ihre lebhaften Gesichter aus. Piredda ist mit 6 Jahren von Frankreich nach Sardinien gezogen, wo sie jetzt lebt und arbeitet. Sie hat in Bosa, Sassari und Paris studiert und lange Jahre als Restauratorin von Wandgemälden in Kirchen gearbeitet. Zwei kleine Skulpturen von ihr finden sich auch im Hirtenmuseum.
Hebt man den Blick, hängt noch eine Arbeit von Riccardo Mazzarino am Geländer vor der freikirchlichen Gemeinde. Riccardo Mazzarino aus Palermo hatte 2018 eine beklemmende Arbeit zur Flüchtlingsmisere am Wassertor präsentiert. Dieses Jahr feiert er mit seiner großen, mehrteiligen Arbeit „Osmosi: L´Acqua Impulsi di Vita“ die durchdringende und pulsierende Kraft des Wassers, den „Puls des Lebens“.
In die Nische der Tür Friseurladens hat Wolfgang Herzer seine Installation geschützt vor der Witterung untergebracht. „Flaschenpost heißt die Arbeit mit einem seiner typischen Comics aus seiner Fantasiestadt „Everywen“ in der Flasche und blauer „Wasserfarbe“ davor. Herzer, geboren in Lübeck und heute in Weiden lebend, studierte Kunst an der Akademie in München. Er ist ein deutscher Maler, der sich auch als Comiczeichner mit Biss und Heimatverbundenheit hervortut, als Kurator und Pädagoge tätig ist und die Kulturinitiative KoOpf Oberpfalz gegründet hat.
In der „Kuhpegnitz“ zwischen Psorisol-Klinik und Behelfsbrücke tummeln sich gleich drei Arbeiten.
Gerlinde Berger und Dieter Serfas haben eine Gemeinschaftsarbeit auf eine Sandbank platziert. Ein wasserdurchlässiger Krug aus Stahlspänen von Objektkünstler Dieter Serfas hält die elegant-schlanken Blütenstängel aus Aluminium, die Silberschmiedin Gerlinde Berger handgefertigt hat. Das als „Spielerei“ betitelte Objekt glitzert im Sonnenlicht und die metallenen Stängel wippen sanft im Wind.
Hubertus Hess, „Kreis“-Künstler aus Nürnberg, hat ein riesiges Horn aus Stahl in den seichten Fluss gestellt, der ganz hervorragend mit den Stahlwänden der Baustelle harmoniert. Das Horn könnte auch ein Kuhhorn sein und der Bildhauer zeigt sich entzückt von dem Zufall, der seine Arbeit in die Furt geführt hat, wo früher Rindvieh zum Saufen kam. Denn die Hirtenkultur Hersbrucks schwingt in seiner Arbeit eindeutig mit.
Etwas schwerer zu entdecken ist der „Karpfen“ von Walter Bauer. Bauer, Powermaler aus Nürnberg, ist mit seinen Bilderserien „Müllmänner“, „Mitbringsel“, „Stofftiere“ und für seine spontane, haptische Ölmalerei bekannt. Der Karpfen schnappt knapp unter der Wasseroberfläche nach Luft, wenn man am Anfang der Behelfsbrücke den Pegnitzgrund absucht – und falls Sand und Schlamm das Bild nicht unsichtbar machen.
Im Pegnitzarm, der auf das Wassertor zuführt, blitzen als erstes Christoph Gerlings „Framenti“ auf. Drei menschliche Torsi aus Styrodur lassen mit ihren türkisfarbenen Badehosen etwas von Badefreuden ahnen. Christoph Gerling, der Initiator und Kurator von „Kunst im Fluss“ ist ein Meister der Vereinfachung. Seine Schwimmenden fassen die Grundzüge des menschlichen Leibes knapp zusammen. Die Ausdruckskraft gründet sich im lapidaren, aber meisterlichen Strich.
Auch das letzte Werk der Fluss-Schau huldigt dem Lebens am Wasser. Eine Großleinwand an der Brücke, die den Übergang zum Schloss im Untermühlweg schafft, zeigt eine heitere Gesichter und heißt „Rimini in Hersbruck“.
Vorher wird keiner Franz Weidingers über der Wasseroberfläche schwebende Schwimmerin übersehen. Weidingers Modell für seine diesjährige Arbeit war kaum spannenlang, was seine „Komfortgröße“ bei Skulpturen ist. Seine weibliche Figur für „Kunst im Fluss 2019“ ist allerdings wieder überlebensgroß - und ebenso kraftvoll, graziös und würdevoll wie die Schöne auf dem Floss, die der Bildhauer aus Deining vergangenes Jahr schwimmen ließ.
Auf eine ganz andere Art auffällig ist das Gemälde von Giulio Giancaspro aus Ruvo di Puglia, Apulien, an der Brücke des Wassertors. Giancaspro befasst sich mit dem Sakralen und dem Profanen und nimmt Alltagsphänomene aufs Korn. Mit Malerei, Grafik und visueller Kommunikation bereichert er seit 1990 nicht nur die Puglieser Kunstszene. Als Grafikdesigner entwirft, zerstört und mixt er grafische Elemente und baut sie neu in seine Kompositionen ein. Nach Hersbruck hat er eine quirlige und farbenfrohe Komposition aus geometrischen Formen mitgebracht.
Auf der anderen Seite der Wassertorbrücke schwebt ein rundes Korbgeflecht von Letterio Cammaroto, aus dem Äste hervorragen. „Fridays for Future“ heißt seine Arbeit und huldigt den jungen Menschen, die dafür sorgen möchten, dass die Welt nicht – wie sein Werk es darstellt – explodiert. Er findet es fast schon peinlich, dass Kinder, denen man gern sagt, dass sie nichts von der Welt und vom Leben verstehen, den Erwachsenen erklären müssen, wo es langgehen kann.
Auf dem Weg zum Ende der Ausstellung (oder dem Anfang, wenn man am Brücklein zum Amtsgericht starten möchte) ziert noch eine Arbeit von Barbara Henning das Ufer, die Wassertiere der ganz anderen Art zeigt.
Zwei Künstler sind auf dem Flyer zur Ausstellung genannt: Thorsten Braunbarth musste aus gesundheitlichen Gründen passen, Mery Godigna Collet ging die geplante Arbeit kaputt.
„Artenvielfalt“ als Kunstform
Unter der Schirmherrschaft des Kunstmuseums Hersbruck
StadtLandKunst geht in die dritte Runde an neuem Ort – 50 Künstler*innen haben zur Vielfalt und Gefährdung der Natur gearbeitet – Große Schau im Stadthaus
„Erdenkind“, „Flügelwesen“, „Strauchflechte“ oder „Die Vorratskammer der Natur“ : schon eine kleine Auswahl der Titel lassen erahnen, womit die Kunstwerke sich beschäftigen. „Artenvielfalt“ heißt das diesjährige Thema der Jedermann-Ausstellung im Stadthaus am Schlossplatz, die niederschwellig jedem Kunstschaffenden möglich machen soll, seine Werke zu zeigen. Das ergibt schon automatisch eine bunte Mischung an Stilen und Herangehensweisen, Malerei ist ebenso vertreten wie Bildhauerei, Holzschnitt, Keramik, Drucktechniken und Fotografie. Das gemeinsame Thema bündelt die Vielfalt und fordert sie doch 2019 auch geradezu heraus. Bis im Spätherbst der Kunstmarkt im Stadthaus regieren wird, sind die Arbeiten vom Erdgeschoss bis unters Dach zu bewundern, die Künstler kommen aus dem gesamten Landkreis. Was früher im Sparkassengebäude stattfand und heute noch durch die Sparkasse Nürnberg gefördert wird, hat heute ein neues Zuhause und die Stadt Hersbruck als Gastgeber gefunden. Die rührigen Organisatorinnen Anita Magdalena Franz, Angelika Eisenbrand und Karin Plank-Hauter freuen sich über die rege Beteiligung und auf viele Gäste.
Eröffnung am Montag, den 15.Juli um 18 Uhr im Stadthaus am Schlossplatz, Begrüßung durch Bürgermeister Robert Ilg, Eröffnungsrede Anita Franz, geöffnet bis 8. November von Montag bis Donnerstag 8 – 18 Uhr und Freitag 8 – 16 Uhr.